Never brown after six

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Roxanne
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Aus der Reihe "Roxannes kleiner Stilratgeber" Episode 37. Diesmal für Kerle. Das man nach 18.00 Uhr keine braunen Schuhe trägt, ist natürlich bekannt - aber warum eigentlich nicht? :roll:

Zitat:
Wenn Männer sich verlaufen
Von Joachim Bessing

Bei Herrenschuhen gilt im Allgemeinen: "Never Brown after Six". Aber warum eigentlich nicht? Und was ist vor 18 Uhr zu beachten? Auf den Spuren eines ewigen Moderätsels

Als gäbe es für Bankmanager nichts Wichtigeres zu tun, strengte Thomas Fischer im Dezember 2004, damals noch Chef der Westdeutschen Landesbank, einen Verleumdungsprozess am Stuttgarter Landgericht an: Ein Journalist der "Stuttgarter Zeitung" hatte geschrieben, dass Fischer beim Begräbnis seines Mentors Friedel Neuber "hellbraune Rindslederschuhe" getragen habe. Offenbar fühlte sich Herr Fischer dadurch in ein stilistisches Schattenreich gedrängt - dorthin nämlich, wo Männer mit braunen Schuhen zu Hause sind.

Als habe er dadurch einen Fluch auf sich gezogen, geriet Fischer kurze Zeit später wirklich ins Abseits. Gerüchte, er habe sein Sanierungsobjekt, die West LB, durch Fehlspekulationen in die tiefste Krise seit Bestehen gesteuert, konnte er nicht eindämmen. Kurz darauf schien sogar sein Aufsichtsratsvorsitz bei RWE in Gefahr, im August 2007 legte er schließlich sein Amt als Honorarkonsul von Finnland nieder.

Tja. Nicht dass er nicht gewarnt worden wäre. Wobei die alte Regel "Never Brown after Six" zunächst triftig klingt, aber auch wesentliche Fragen aufwirft. So wird Thomas Fischer beim Blick auf die Uhr entschieden haben, dass die Beerdigungsfeierlichkeiten bis 17.30 Uhr beendet sein dürften - von daher sein Erscheinen in hellbraunen Lederschuhen zum dunklen Anzug durchaus comme il faut sei.

Aber warum eigentlich 18 Uhr? Einer weitverbreiteten Interpretation zufolge sind braune Schuhe nach 18 Uhr deshalb unmöglich, da sich ihr Farbton nicht mit künstlichem Licht verträgt. Aus ebendiesem Grund gilt es als erwiesen, dass ein Smoking aus nachtblauem Stoff zu bestehen hat - und eben nicht aus schwarzem, da Schwarzes im Kunstlicht ins Grünliche changiert. Nachtblau hingegen erzielt die gewünschte tiefschwarze Wirkung.

Bleibt die Frage: Wenn Braun nicht geht, wie steht es dann mit Rot oder Grün? Gegenfrage: Warum nicht einfach Schwarz? Zu einfach? Ebendarum. Wie am Beispiel des Smokings gezeigt, gibt es nur einen einzigen Farbton, der als Schwarz erkannt wird. Sämtliche Varianten werden als Verfälschungen wahrgenommen. Im Kunstunterricht wird Schwarz als Nichtfarbe gelehrt. Braun entspricht einer Mischung aus Rot und Grün - das ergibt ein schier unendliches Spektrum an Brauntönen. Die Unzahl an Wahlmöglichkeiten erscheint dem einen Typ Mann verführerisch, dem anderen hingegen gefährlich, da Wahlmöglichkeiten stets Entscheidungsreife voraussetzen. Aus diesem Dilemma heraus wurde die Regel "Never Brown after Six" geboren; sie lässt sich übrigens für stilistisch wenig sattelfeste Männer auf ein simples "Never!" reduzieren. Ganz gleich ob Thomas Fischer damals braune Schuhe zum Begräbnis trug oder nicht, er war doch längst als Mann der grellen Moden bekannt, schien beispielsweise seinen Ruf als abgebrühter Risikomanager durch das Tragen auffälliger Nadelstreifenanzüge mit dicken Krawatten und überbreiten Hosenträgern verstärken zu wollen. Als Vorbild diente ihm offenbar eine Filmfigur aus den 80er-Jahren: Gordon Gecko in "Wall Street" - nicht unbedingt ein Sympathieträger.

Hybris, die laszive Schwester des Erfolges, verführt einen Mann, der vermeintlich viel erreicht hat, dazu, nun mal ein bisschen weiter aufzudrehen und das dröge Terrain der Konvention zu verlassen. Und zwar nicht im Subtilen, nicht in den Details, sondern mit offensichtlicheren Mitteln. Zwischen einem Aufdrehen der persönlichen Note und dem stilistischen Durchdrehen entscheidet dann allein das Fingerspitzengefühl.

Das Tragen brauner Schuhe wird oft mit einem vermeintlich zulässigen Argument verteidigt: Das, so heißt es dann, sei ein Ausdruck mediterraner Lebensart. Man hat die dazugehörigen Vorbilder sofort vor Augen: Flaneure auf den Uferpromenaden, Zeitungsleser unter den Schirmen der Straßencafés - Figuren, in deren vermeintliches Savoir-vivre man sich gern hineinträumt, wenn einem das Neonlicht des Büroalltags auf die Brust zu drücken droht. Aber, man erinnere die Begründung der Never-Brown-Regel, über der mediterranen Sphäre herrscht ein gänzlich anderes, ein dunstig bläuliches Licht. Paul Cézanne hat seine Äpfel nicht mit schwarzer Farbe umrandet, sondern mit einem extrem abgetönten Dunkelblau.

In den paar Männermodemagazinen, die es gibt, wird wiederholt darüber berichtet, dass Männer nur wenige Möglichkeiten haben, sich auszustaffieren: Manschettenknöpfe, Einstecktücher, Uhren, Krawatten. Schuhe aber zählen nicht dazu. Sie gehören zur Bekleidung, und für diese gilt, dass sie den Träger bedecken und wärmen, seine Persönlichkeit unterstreichen, ihn aber keinesfalls für überkandidelt verkaufen soll.

Der in diesem Zusammenhang am häufigsten missverstandene und missbrauchte Begriff ist "Dandy". Inzwischen versteht man unter Dandy hierzulande einen Mann, der sich verrückt und ausgefallen kleidet, ja sogar seine Mitmenschen durch seine Bekleidungsmarotten vor den Kopf stößt. Wer sich aber so verhält, der ist ein Geck. Der Vorstandsvorsitzende eines großen Versicherungskonzerns, der die Kragenenden seiner Hemden in Silber mit Brillanten fassen lässt, ist kein Dandy, sondern ein Geck. Der Mann, der auf Ihrem Begräbnis ganz in Weiß erscheint, weil man das in Japan so macht, ist ein Geck.

Klar, über Geschmack lässt sich streiten. Aber will man das eigentlich? Oder besteht das Ziel der Geschmacksbildung nicht vielmehr in einem persönlichen Stil, der unstrittig, eventuell sogar uniform, dafür aber überzeugend erscheint?

Quelle: Die Welt vom 4. Januar 2009

Natürlichkeit ist langweilig    

Triona
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Klasse Satire.
Und viel Wahres dran.

Eben eine echte Roxy-Ausgrabung.

Liebe Grüße
Triona

Aw, Thou beloved, do hearken to the Banshee's lonely croon!

sinn féin - ça ira !

Hab nur kurz auf die Maus geklickt. Ich glaub ich hab das Internet gelöscht.

Ella
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Zitat:
Oder besteht das Ziel der Geschmacksbildung nicht vielmehr in einem persönlichen Stil, der unstrittig, eventuell sogar uniform, dafür aber überzeugend erscheint?

Nein.

Die Karawane bellt, der Hund zieht weiter...

Liv-Marit Norton
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Never brown after six, sagte sich auch Muntadar al-Zaidi, als er seine braunen Schuhe auf George Doubleshoe Bush warf....... :mrgreen:

Eine echte Vision entwickelt ihr Eigenleben !

seamstress
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Zitat:
Aber warum eigentlich 18 Uhr? Einer weitverbreiteten Interpretation zufolge sind braune Schuhe nach 18 Uhr deshalb unmöglich, da sich ihr Farbton nicht mit künstlichem Licht verträgt.

Hm, erscheinen denn Damenschuhe in anderem Licht als Herrenschuhe? Und ist die Zeitumstellung zu berücksichtigen? Wenn es im Winter schon um 17 Uhr dunkel wird, darf man um diese Zeit noch Braun tragen? Und im Sommer bei Tageslicht um 20 Uhr? Und wenn man sich nur im Freien aufhält, ist dann Braun comme il faut?

Oder ist dann doch der Grund, dass Männer mit der Entscheidung zwischen verschiedenen Brauntönen einfach überfordert sind? :roll:

Fragen über Fragen...

Cool

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It's a Barnum and Bailey world
Just as phony as it can be
But it wouldn't be make-believe
If you believed in me

Katy
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Hi Roxy
Du interssierst Dich für Herrenschuhe bzw. Mode- komisch !?
Bei mir hat das stark nachgelassen Smile

Katy

Roxanne
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Katy schrieb:
Hi Roxy
Du interssierst Dich für Herrenschuhe bzw. Mode- komisch !?
Bei mir hat das stark nachgelassen Smile

Katy, erstens sind wir Schmetterlinge auch leider manchmal Raupe und zweitens muß das Weibchen ein balzendes Männchen schließlich auch beurteilen können. Welche Prinzessin möchte schon einen Prinzen mit Löchern in den Socken? Thinking

Natürlichkeit ist langweilig