Widerspruch in sich ??????

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HEKATE
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@Veronika:
Danke für die Komplimente - hoffentlich enttäuscht danach der "angewandte Teil" nicht ! Wink

@all:
Jung hat einmal gesagt, auf dem Weg zur Selbstfindung eines Mannes sei die Integration des eigenen "SCHATTEN"s das Gesellenstück (wie etwa zu lernen, daß "Mut" nicht ist, "keine Angst zu kennen" - sondern zu entscheiden, was man trotz eigener Angst tut) - das Meisterstück aber sei der richtige Umgang mit der eigenen "ANIMA".

Einer der schlimmsten Fehler mancher "normaler Männer" kann es z.B. sein, das ganze Idealbild ihrer eigenen ANIMA auf eine bedauernswerte Partnerin zu "projizieren", die vielleicht das eine oder andere Merkmal dieses Idealbilds aufweist - sich deshalb "auf den ersten Blick" in sie (in Wahrheit aber nur in die eigene ANIMA!) zu verlieben - und ihr später ständig bitter zu verübeln, wenn sie ihr nicht total entspricht, sondern sich als eigenständige Persönlichkeit "entpuppt"!

Der alternative (und eigentlich weitaus harmlosere) Lösungsversuch des TV wäre nach diesem Modell, seiner eigenen ANIMA ein "Eigenleben" zu gönnen, indem er sie mehr oder minder oft als "Teilzeitfrau" an und aus sich selbst kreiert! Im härtesten Falle verliebt er sich selbst dann derart in diese fleisch- (und silikon-)gewordene ANIMA, daß er gar keine andere Partnerin mehr braucht ("Autogynephilie"); in anderen Fällen "vertritt" er so für einen Partner dessen eigene "ANIMA" (die ja auch nur das "Hirnprodukt eines Mannes" ist); ja selbst der Buhmann so mancher einschlägigen Diskussion, der berüchtigte "fetischistische Transvestit", könnte vielleicht bloß seine ANIMA so eng mit bestimmten "Symbolen" identifiziert haben, daß diese allein schon genügen, sie "heraufzubeschwören" ?
Im Normalfall des ganz "heterosexuell" orientierten TV dagegen sollten ihm ja eigentlich all seine Partnerinnen dankbar sein, daß er es nicht ihnen zumutet, seine ANIMA "darzustellen" - sondern sich dieser harten Strapaze selbst unterzieht (und auch nur mit sich selbst hadert, wenn ihm das nicht voll gelingen sollte); in der Tat finden es manche Partnerinnen von TVs wunderbar, so zu einem "Liebhaber" auch noch eine "Freundin" zu gewinnen - andere dagegen stürzt es (verständlicherweise, wenn sie die Zusammenhänge nicht durchschauen) in die ärgsten Probleme.

Die eigentliche TS aber, die ja im Grunde nur endlich "als Frau leben" möchte, muß nach diesem Konzept (zu allen anderen medizinischen, amtlichen und sozialen Problemen) auch noch das gesamte vorherige Schema völlig umkehren: jetzt will sie der Welt (und sich selbst) ja eine völlig weibliche PERSONA präsentieren - müssen da nicht alle dafür unpassenden Elemente, insbesondere alles "männliche", zum verachtet-abgelehnten SCHATTEN werden - und speziell die einstige "männliche PERSONA", die sie lange Zeit gezwungenermaßen zeigen mußte, jetzt zu einem unheimlichen Gegenstück des "ANIMUS"?

Verständlich, daß vielen TS angesichts der Notwendigkeit dieser totalen und strapaziösen Umkehrung das lockere Jonglieren eines wohladaptierten
TV mit seiner PERSONA und ANIMA als leichtfertige Spielerei erscheinen muß - gegen die sie mit der ganzen "ehrlichen Entrüstung" jedes "Schatten-Leugners" und der vollen Rechthaberei eines weiblichen ANIMUS zu Felde ziehen: nicht zuletzt gegen die Zumutung eines anbiederischen "wir sitzen doch alle im gleichen Boot" !

Dabei stimmt nun gerade das, wenn es um die Reaktionen der sogenannten "Normalmenschen" geht, nach dem PERSONA/SCHATTEN-Konzept exakt: wer nämlich Zustandekommen und Funktion von SCHATTEN oder gar ANIMA/ANIMUS nicht durchschaut, packt alles, was nicht ins geläufige PERSONA-Schema "Mann ist Mann - und Frau ist Frau!" zu passen scheint, ohne viel Überlegen in die globale SCHATTEN-Kategorie "Lauter Perverse!" (oder zumindest "alles schräge Vögel!") - und kommt noch nicht mal auf die Idee, dabei etwa Homosexuelle, Transvestiten, Transsexuelle oder andere Gruppen auseinanderzuhalten - denn zum "Ablehnen" genügt eine "negative Gemeinsamkeit" wie z.B. "Entspricht nicht (wie ich) dem gängigen Leitbild 'Mann' !" bereits vollkommen.

[Daß im Gegensatz dazu jemand, den einer schon seit langem in die Kategorie "mir sympathisch" oder "guter Kumpel" eingeordnet hatte, bei ihm oft auch nach einem "Outing" darin bleibt, steht dazu nicht im Widerspruch: "Ich kann Menschen beurteilen!" gehört nämlich auch zu jenen Eigenschaften der eigenen PERSONA, die die meisten Menschen nicht in Zweifel ziehen wollen. Selbst Hitler konstatierte mal in einer Rede mit ironischer Verzweiflung "jeder Deutsche kennt wenigstens einen anständigen Juden!" - nur hat das den deutschen Juden als Gruppe nicht viel genützt (wenn auch so manchem einzelnen davon!).]

Thinking: Was nützen aber nun all solche Betrachtungen eigentlich?!

Ich persönlich behaupte: sehr viel. Denn beeinflussen kann man etwas erst dann, wenn man versteht, wie es zustandekommt - denn sonst versucht man gar zu leicht, wie es ein erfahrener Praktiker mal bei der Fehlersuche am Computer sagte, "das falsche Schwein zu schlachten"...

Eure optimistische Problem-Schlachtermeisterin HEKATE

n/v
Gast
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@ Posting HEKATE

Dieser Exkurs in die Psyche des Menschen wird, hoffentlich, nicht falsch gelesen, stellt er doch die tatsächlichen Zusammenhänge im Dasein des TV und TS annähernd gut dar.

Bezüglich Transsexueller erklärt dieses Modell offen deren Zerissenheit und auch letztlich deren Stellung zu möglichen Partnern.

Ein "Echter Transsexueller" hat demnach den Kampf seines Ich Seins als Kontroverse zweier Projektionen durchzustehen.
Wo in diesem Spannungsfeld noch Platz für eine/n Partner/in sein soll, bleibt hiermit provokant im Raum stehen.

Roxanne
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dabei seit: 03.01.2006

HEKATE schrieb:
Der alternative (und eigentlich weitaus harmlosere) Lösungsversuch des TV wäre nach diesem Modell, seiner eigenen ANIMA ein "Eigenleben" zu gönnen, indem er sie mehr oder minder oft als "Teilzeitfrau" an und aus sich selbst kreiert! (.....)...."vertritt" er so für einen Partner dessen eigene "ANIMA" (die ja auch nur das "Hirnprodukt eines Mannes" ist); (....)

Im Normalfall des ganz "heterosexuell" orientierten TV dagegen sollten ihm ja eigentlich all seine Partnerinnen dankbar sein, daß er es nicht ihnen zumutet, seine ANIMA "darzustellen" - sondern sich dieser harten Strapaze selbst unterzieht (und auch nur mit sich selbst hadert, wenn ihm das nicht voll gelingen sollte); in der Tat finden es manche Partnerinnen von TVs wunderbar, so zu einem "Liebhaber" auch noch eine "Freundin" zu gewinnen - andere dagegen stürzt es (verständlicherweise, wenn sie die Zusammenhänge nicht durchschauen) in die ärgsten Probleme.

Das dürfte es in sehr vielen Fällen treffen! In wenigen Sätzen gut analysiert. Danke, Hekate.

Natürlichkeit ist langweilig 

Gast
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Hallo Hekate,

danke für die doch recht verständliche Einführung in die jungianische Lehre, die ihr zumindest soweit ich sie kenne, gerecht wird.

Als beschreibendes Modell ist das ja auch nicht schlecht, nur sollte man es nicht mit der Wirklichkeit verwechseln, diese ist bedeutend komplizierter.

Ich denke z.B. nicht, daß dieses Animus/Anima-Schema so einfach auf TV und TS übertragen werden kann, weil von einem Normbild (Männer haben die Anima, Frauen den Animus) ausgegangen wird, das so gar nicht zutreffen muß. Wer sagt denn, daß bei einer MZF-TS z.B. jemals ein normales Verhältnis existiert haben muß, was dann umgekehrt werden muß? Wenn Weiblichkeit und Männlichkeit zwei orthogonale Dimensionen sind, kann bei jedem Normalo ebenfalls jegliche Ausprägung vorkommen. Gemäß der Jungianischen Psychologie würde dann eine ganz normale Hete vielleicht eine Anima haben, weil sie hoch auf Männlichkeit und niedrig auf Weiblichkeit gepolt ist, und das als bspw. harte Karrierefrau auch auslebt.

Die viel grundsätzlichere Frage aber ist ja dann die nach dem, was eigentlich im tiefsten Sinne männlich und weiblich ist, und damit danach, ab wann von einem Vorliegen eher einer Anima oder eines Animus (oder möglicherweise werden bei asexuell geprägten Menschen beide in den Schatten verwiesen???, auch hier eventuell eher eine Mehrdimensionalität!)
ausgegangen werden sollte. Entsprechende Variablen sollten dann, wenn es kein rein beschreibendes Modell, sondern eine Theorie mit Vorhersagewert ist, operationalisiert werden können und bei bestimmten Menschen auch entsprechende Vorhersagen erlauben. Gibt es Menschen, die "völlig schattig" leben? welche, die gar keinen Schatten haben? Wer will einen Menschen beurteilen, der komplette Schattenintegration lebt? Das kann kein Mensch, der selbst noch Schattenanteile hat, weil er genau diese eigenen auf den anderen Menschen (und auf Vorstellungen von "Schatten", was das genau ist und was nicht) draufprojizieren muß. Selbst der Begriff von "Schattenintegration" sollte nicht einfach geschluckt werden. Ein bestimmtes Verhalten könnte zu einem Zeitpunkt schattenhaft sein, zu einem anderen nicht. Integrierte Teile könnten selbst wieder Schatten eines größeren Ganzen sein. usw.

Wie sieht es aus, wenn ein Mensch (egal welchen Geschlechts) auf der Skala "Männlichkeit" 70% hat, und auf der Skala "Weiblichkeit" 50%? Wären dann neben einer "50% Anima" die anderen 30% Männlichkeit nicht auch verdrängt, also auch ein Animus vorhanden?

Müßte man nicht auch von "Verschattungen" reden können? Oder wie erklärt das Modell die Prozesse bei einer Entwicklung von TV zu TS, was ja nicht so selten vorkommen soll bei Menschen, die sich des ganzen Problems erst in der Adoleszenz bewußt werden? Wäre das dann "Desintegration"? Oder Integrationsversuche auf anderer Ebene?

Last, not least: was macht der göttliche Charakter des Menschen? Die Komplexität einer wechselseitig männlich/weiblichen Dimension auf den unterschiedlichen Seinsebenen ist bei einer Reduktion auf eine einzige Animus/Anima-Dimension einfach nicht abbildbar, aber trotzdem vorhanden und in vielen Fällen handlungs- und erlebensleitend.

Naja, nur mal so ein paar ketzerische Gedanken. Als Psychologin lernt man (oder sollte man zumindest), solche Modelle zu hinterfragen. Vor allem die impliziten Grundannahmen, daß jeder ja schon genau wüßte und das gleiche meint wie alle anderen, wenn von "Anima", "Animus", "Schatten", "Integration", "weiblich", "männlich" etc. die Rede ist. Das sind die offensichtlichen Grundannahmen oder Axiome des Modells. Dann stecken dahinter noch die versteckten Grundannahmen (Was ist der Mensch/was Bewußtsein/wie ist die Welt/was Sinn des Lebens etc., gibt es "Entwicklung" von Bewußtsein oder nur "Verschiebung" von Problemfeldern, welche Dynamiken sind unter welchen Voraussetzungen steuerbar, welche nicht?), die zum Teil noch schwieriger zu thematisieren sind, weil in den Schriften des betreffenden Theoretikers wohl mal hie und da aufschimmernd, aber nicht explizit genannt. Z.B. das mit der Desintegration. Inwieweit ist ein "natürliches Integrieren von Schattenanteilen" dem Menschen innewohnend? Kann er sich bewußt dafür/dagegen entscheiden oder sind es automatische, unbewußt evoluierende und/oder destruierende Prozesse? Könnte sich ein "normaler" Mensch einfach so entscheiden, jetzt TV oder TS zu werden?

Und da kommen wir zu entscheidenden weiteren Grundannahmen: ist das "TS"-Geschehen wirklich einfach nur ein psychologischer Vorgang? Inwieweit spielt nicht die Neurobiologie eine Rolle?

Damit ich nicht nur Fragen aufwerfe, sei zumindest letzteres beantwortet. Durch relativ neue neurobiologische Erkenntnisse zu TS und durch gescheiterte psychotherapeutische Ansätze bei TS (Heilung derselben ohne OP und ohne Hormone) besteht doch heutzutage unter Fachleuten die Überzeugung, daß das keine einfache psychodynamische Entwicklung bei sonst völlig normalen hirnbiologischen Voraussetzungen ist.

Die Skinnersche Psychologie mit "Reiz"-"Reaktion"-Schema brach z.B. völlig in sich zusammen, als jemand mal wirklich genauer wagte, zu analysieren, was nun eigentlich "Reiz", und was "Reaktion" ist.

Oder allgemeiner: Psychologisieren ist ja schön und gut, ich tue es ja selbst gerne und hoffentlich sogar professionell, aber man sollte nicht die Grenzen der Methode aus den Augen verlieren. Ein beschämendes Negativbeispiel der übermäßigen Psychologisierung ist die Geschichte mit den Magengeschwüren. Was habe ich nicht alles noch im Studium lernen müssen zu psychologischen Faktoren, die die Magengeschwüre hervorrufen (Anger-In, Aggressivitätsunterdrückung, bestimmte Persönlichkeitstypen, die anfällig sein sollten etc.). Was hat man da nicht alles geforscht, Aggressionsfragebögen, Streßverarbeitungsfragebögen, Persönlichkeitsdiagnostik, und heraus kamen bestenfalls zweifelhafte Signifikanzen. Und heute weiß man, daß es in über 90% der Fälle einfach ein Bakterium ist, Helicobacter pylori genannt, das da sein Unwesen treibt. Und vielleicht sind ja wirklich in 10% der Fälle psychologische Faktoren ausschließlich und alleinig verursachend.
Wie gesagt, diese vorsichtige Grundeinstellung sollte man auch bezüglich der Psychologisierung von TS berücksichtigen.

Liebe Veronica,

Veronica schrieb:
Ein "Echter Transsexueller" hat demnach den Kampf seines Ich Seins als Kontroverse zweier Projektionen durchzustehen.
Wo in diesem Spannungsfeld noch Platz für eine/n Partner/in sein soll, bleibt hiermit provokant im Raum stehen.

ja, das sind die gefährlichen Schlüsse. Ist das Jungianische Modell denn die Wirklichkeit? Vielleicht hat jeder Mensch diesen Kampf durchzustehen, eventuell haben TS es dabei sogar besonders einfach, weil es mit aller Gewalt ins Bewußtsein dringt? Was der "Provokation" fehlt, wäre jetzt die Rückbindung an die Realität. Ist es so, daß bei TS ein größerer solcher Kampf besteht als bei non-TS? und wie sehen die Partnerschaften realiter aus? Welche Variablen wirken belastend, und sind das die aus dem Jungianischen Modell abgeleiteten? Gibt es TS, die diesen "Kampf" erfolgreich durchstehen? Was sind die besonderen Faktoren dabei? Und wie steht es dann mit der Integration von Animus? Ist das Bedingung oder egal oder eher hinderlich? Ist das Modell falsifizierbar? Was macht man denn aus der Sicht des Modells mit TS, die offenbar männliche Anteile komplett abgespalten haben, und ganz glücklich mit ihrem Partner (oder "noch schlimmer" mit der Partnerin) durch die Welt laufen? Wäre Integration absolute Bedingung des "Glücklichseins" (condition sine qua non)?

Die ressourcenorientierte Psychologie würde übrigens noch ganz anders fragen: was sind dann die besonderen Stärken von TS? Es gibt da doch ein großes Potential von Bewußtwerdungsmöglichkeiten, die "normalos" gar nicht in dem Maße offenstehen, weil sie die gesellschaftlich geprägten Normen von Geschlechtlichkeit und -rollenverhalten nicht hinterfragen müssen.

Liebe Grüße, Maria

p.s.: ach so, wenn das auch noch möglich wäre: könnte man vielleicht das Thema in "Widerspruch" anstelle von "Wiederspruch" ändern? Danke. Smile

Gast
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maria45 schrieb:

Und da kommen wir zu entscheidenden weiteren Grundannahmen: ist das "TS"-Geschehen wirklich einfach nur ein psychologischer Vorgang? Inwieweit spielt nicht die Neurobiologie eine Rolle?

Damit ich nicht nur Fragen aufwerfe, sei zumindest letzteres beantwortet. Durch relativ neue neurobiologische Erkenntnisse zu TS und durch gescheiterte psychotherapeutische Ansätze bei TS (Heilung derselben ohne OP und ohne Hormone) besteht doch heutzutage unter Fachleuten die Überzeugung, daß das keine einfache psychodynamische Entwicklung bei sonst völlig normalen hirnbiologischen Voraussetzungen ist.

Meinst du damit eventuell, daß sich Transsexualität durch pränatale Sexualhormone (bzw. deren Falschproduktion) initieren könnte?
Diese Hormone habe ja eine nicht gerade geringe Wirkung auf die Entwicklung des Gehirns und legen Geschlechterspezifisches Verhalten schon im Mutterleib fest.
Ich habe diesen Ansatz schon einmal verfolgt, kam aber zu dem Schluß, daß dann im Regelfall der ganze Embryo von diesen Hormonen beeinflusst werden würde (mit der Ausnahme der statistisch verschwindend geringen Situation, daß die weiblichen Hormone nur im Gehirn ausgeschüttet wurden).

Gast
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Hallo,

ich für mich stelle mir das so vor: Bei einer TS werden eben die vorher für die Umwelt unsichtbaren, da eben nur seelich vorhandenen weiblichen Anteile mit der Zeit immer sichtbarer, treten eben in den Vordergrund. Dabei werden zunächst mal die männlichen Anteile stark in den Hintergrund gedrängt, damit die weiblichen überhaupt im Äußeren für andere sichtbar werden können. Aber wenn dann erst mal quasi der Sprung ins andere Geschlecht geschafft ist, also das Weibliche unübersehbar im Vordergrund steht, dann sind die männlichen Anteile, wenn auch jetzt quasi unsichtbar im Äußeren, ja trotzdem immer noch vorhanden. Und die können dann mitunter vielleicht sogar in der Summe der Persönlichkeitsanteile insgesamt gesehen einen größeren Anteil haben, als davor, weil man sie nach dem Geschlechtswechsel ja nicht mehr so stark verdrängen muß, um die weiblichen Anteile sichtbar zu machen...

Ich weiß nicht, ob das jetzt so rüber kommt, wie ich es meine...

Aber ich könnte mir eben durchaus vorstellen, daß ich als Frau am Ende quasi "cooler" rüber kommen kann, als ich es als Mann jemals könnte, einfach weil dann zwar das männliche immer noch ein Teil meiner Persönlichkeit wäre, der aber eben nicht mehr zwangsläufig ständig im Vordergrund stehen muß...

Vielleicht versteht ja jemand, was ich meine... Wink

Vielleicht können ja auch mal TS die schon länger alles hinter sich haben, was dazu schreiben, wie das bei Ihnen so war/ist...

Grüße

Lena-Svenja

Heike_007
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maria45 schrieb:
Hallo Heike,

nur eine Nebenbemerkung:

Heike schrieb:
Ganz davon abgesehen, dass das Angebot an Klamotten und Schuhen (47) mehr als dürftig ist und ich froh sein muss, überhaupt etwas zu finden.
kennst Du denn schon Schuh-Kauffmann? in diversen Großstädten zu finden, hat auch Versand und Internet und Männerschuhe bis 55 und Damenschuhe bis 48.Vielen Dank für den Rat! Ich habe schon des öfteren bei Schuh-Kauffmann gesucht. Nur leider, leider gibt es die meisten Modelle auch nur bis zur 46. In 47/48 gibt es nur Fetisch-Pumps mit extrem hohen Absätzen oder Oma-Modelle. Schade!

Bei mir mag ein Jeder nach seiner Fasson selig werden (Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg 1620-1688).

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Hallo Rahab (das ist ein schöner Name),

ja, es gibt Studien, daß bei MZF-TS der Bauplan des Androgenrezeptors anders ist, und ein bestimmtes Enzym, das die Konversion von Testosteron in Estrogen im Gehirn vornimmt, anders gebaut ist und auch die Estrogenrezeptoren selbst anders codiert werden. Deshalb wird eventuell das Gehirn, das im bstc den "gefühlten kleinen Unterschied" codiert, nicht richtig aufgebaut, und es entsteht die "falsche" Anzahl von Neuronen. Testosteron wird zwar eventuell in normalem Maße produziert, wirkt aber aufgrund der andersartigen Baupläne der Rezeptoren und der Aromatase nur auf die äußeren Geschlechtsorgane. Insofern ist eventuell die TS nur ein Sonderfall der IS, bei denen nur die externen Rezeptoren falsch gebaut sind oder generell zuwenig Testosteron produziert wird, während bei der TS die gehirninterne Weiterverarbeitung des Testosteronsignals falsch ist. So kann es auch zusätzlich sein, daß das auch im männlichen Körper gebildete Estrogen auf ein bereits feminisiertes Gehirn trifft durch die Estrogenrezeptorpolymorphismen. Dazu gibt es Befunde, daß bei homosexuellen Männern und MZF-TS eine ähnliche positive LH-Response gibt wie bei xx-Frauen. Andererseits ist z.B die Anzahl der Neurone im bstc bei MZF-TS (aber nicht bei homosexuellen Männern) genauso klein wie bei xx-Frauen, und erste Befunde zeigen auch bei FZM eine hohe Neuronenanzahl.

Wie meistens in der Natur sollte man sich auch bei einem Störungsbild wie TS nicht darauf verlassen, daß es nur eine Form und eine Ursache gibt. Wahrscheinlich gibt es wieder mehrere Determinanten der Kristallisation des geschlechtlichen Zugehörigkeitsempfindens. Insgesamt scheint aber die Neurobiologie eindeutig am Werke zu sein, und die ganzen psychischen Auswirkungen der TS dann eher als Folge aufzutreten.

LG, Maria

edit: IS=Intersexualität, LH=luteinizing hormone, bstc=bed nucleus of stria terminalis pars compacta

Gast
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maria45 schrieb:

Insofern ist eventuell die TS nur ein Sonderfall der IS, bei denen nur die externen Rezeptoren falsch gebaut sind oder generell zuwenig Testosteron produziert wird, während bei der TS die gehirninterne Weiterverarbeitung des Testosteronsignals falsch ist.

Für was steht IS?

HEKATE
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@Maria
Laughing out loud Vorab einmal: noch nachträglich die besten Wünsche zum Geburtstag!

:roll: Nun zur Sache:
Wenn mein 45-Zeilen-Feuilleton ("Jung for Dummies")
Jungs PERSONA-SCHATTEN-ANIMA-Modell dennoch
halbwegs richtig dargestellt haben sollte, beruhigt mich
das - schließlich hab ich nur mal theoretische Physik
studiert und nicht etwa Psychologie.
Als ich es Mitte des vorigen Jahrhunderts - wo man
sich Wissen zu TG-Phänomenen noch mühselig selber
zusammensuchen mußte - in seinen Werken entdeckte,
habe ich es (arg unwissenschaftlich) nicht zuvor erst
kritisch hinterfragt, sondern als eine Art "Überlebens-
Konzept" benutzt: bei der Frage, ob man einen Teil
seines Wesens amputieren muß oder integrieren kann,
greift man erst mal nach allem, was helfen könnte!

Hier sollte das ursprünglich bloß die Korrektur eines irrigen Sprachgebrauchs werden (so wie "Widerspruch" <> "Wiederspruch" ) - dann kamen ein paar Bildchen dazu - und endlich als Illustration, wie das denn z.B. auf die TG-Problematik angewendet aussehen würde.

Ich hab mich zwar redlich bemüht, stets einschränkend "nach diesem Modell" o.ä. dazuzusagen - aber dennoch steh ich nun mit dem Odium des oberflächlichen "terrible simplificateurs" da.

Vollig zu Recht - denn genau das ist die Methode des theoretischen Physikers: wenn es bei einem bestimmten Problem ausreicht, Planeten wie "Massenpunkte" zu behandeln, tut er's - ohne zu noch fragen, ob es auf ihnen auch Ozeane, Papageien oder politische Parteien gibt.

Vielleicht gerade deshalb hat mich an Jungs PERSONA- SCHATTEN-ANIMA-Modell fasziniert, daß es auch eine erstaunliche Robustheit gegenüber individualgenetischen, neurobiologischen oder ontologischen Spezialfragen aufweist - es setzt eigentlich nur dreierlei voraus:

1) Es gibt in einer Gesellschaft gewisse Leitbilder,
nach denen sie jedes Individuum durch Erziehung,
Anerkennung/Tadel usw. auszurichten sucht
2) Indivuelle Züge, die zu seinem Leitbild nicht passen,
will das Individuum meist nicht wahrhaben ("verdrängt"
sie in seinen "Schatten")
3) Die Gesellschaft umfaßt 2 interagierende "Geschlechter",
deren Eigenschaften sich in ihren Leitbilder weitaus krasser
unterscheiden als bei vielen realen Individuen.

Ich möchte das an einem "Gedankenexperiment" (auch seit Galilei eine Erbsünde der theoretischen Physiker) demonstrieren:
Das fragliche Individuum sei ein völlig normales Mädchen (mit Eierstöcken, Gebärmutter, weiblichen Hormonen und "Instinkten" usf.) - nur sei es (wie Prinzessin Ozma in Frank L. Baums "Land of Oz") bei seiner Geburt von einer Hexe mit dem Fluch belegt worden, jedermann äußerlich wie ein Junge zu erscheinen. Denoch würde es sich anfänglich in vielem "wie ein Mädchen" verhalten - aber da es ja alle für einen Jungen halten, der natürlich auch zu einem solchen "erzogen" werden müsse, würde es dafür jedesmal scharf getadelt werden: solange, bis es sich all das "abgewöhnt" (=verdrängt) hat und es, zusammen mit sonstigen "negativen" Eigenschaften, im abzulehnenden "Schatten" ablegt. Nun muß es aber auch mit anderen Kindern interagieren: naturgemäß "läge" ihm das bei Mädchen besser - vieles, was sie tun, gefiele ihm selbst auch: aber das ist ja alles (für Jungen) "verboten" - sondern "nur was für Mädchen". Wie lange würde es dauern, bis sich all das spezifisch in einem erst recht als "unjungenhaft" zu verdrängenden "Mädchen-Bild" (einer "Anima") kristallisiert ? Und welchen Grund hätte sie, ein analog verdrängtes "Jungen-Bild" (einen "Animus") zu entwickeln? "Junge" ist sie doch bereits laut der ihr eingebläuten "Persona"!
Ich verzichte darauf, jetzt auch nochmal durchzuturnen, wie sich all das nach einer "Erlösung" (oder bei der ersten Menstruation!) konvulsivisch umkehren müßte: dies soll ja keine TG-Fantasystory werden - sondern nur eine Demonstration, daß der Jungsche PERSONA-SCHATTEN-ANIMA-Mechanismus ganz unabhängig von Anatomie oder Neurobiologie abläuft, sondern primär von der Diskrepanz zwischen gesellschaftlichen Leitbildern und individuellen Eigenschaften abhängt (und vom einem "Verdrängungs"-Mechanismus bewußt schwer erträglicher Vorstellungen - aber daß es den gibt, scheint doch wohl allgemein akzeptiert?)

Wieso sich (real) kontinuierlich verteilte Eigenschaften wahrnehmungsmäßig zu bimodalen Extremen verdichten, dafür hat 1976 ZEEMAN Modelle nach der - noch abstrakt-universelleren -
THOMschen "Katastrophentheorie" der Singularitäten angegeben;
aus einem erweiterten solchen Modell ("Schmetterlings-Katastrophe" mit 4 Kontrollfaktoren) hatte er sogar zusammen mit Psychotherapeuten HEVESI ein neue Methodik zur Behandlung der anorexia nervosa entwickelt. Sie soll gute Erfolge erzielt haben. Mit ähnlichen Methoden hat er aber ebenso gesellschaftliche Probleme wie Gefängnisrevolten untersucht.

Vielleicht sollten auch wir, statt über die Therapie von TVs zu diskutieren, Methoden zum Therapieren der Gesellschaft suchen. Wink

Die alles katastrophal vereinfachende HEKATE

n/v